Smart Cities: Unsere Städte müssen schlauer werden — nur nicht so, wie es uns verkauft wird

17.09.2019 – Samuel Krist

Das Thema Smart Cities ist in aller Munde. Überall auf der Welt versprechen nationale und lokale Regierungen, ihre Städte Smart zu machen. Doch was steckt dahinter?

In Indien wurden 2015 ganze 100 Städte ausgewählt, die zu Smart Cities werden sollen. China geht einen Schritt weiter, dort wurden Pilotprojekte in rund 500 Städten gestartet. Berlin hat eine Smart City Strategie, München hat eine, Hamburg hat eine: Insgesamt stehen 50 deutsche Städte auf dem Smart City Atlas 2019 von Bitkom und Fraunhofer IESE.

Fast niemand, nicht einmal die damit befassten Experten, kann aus dem Stegreif erklären, was das im jeweiligen Einzelfall genau bedeutet. Abgesehen davon, bis 2050 oder sonst irgendwann in der fernen Zukunft möglichst Klimaneutral, digitaler und effizienter zu werden. Zu erklären, eine Stadt “smart” machen zu wollen, macht als PR-Taktik dementsprechend auch erst mal Sinn. Man ist ja nicht von gestern.

Ein Buzzword — viele Definitionen

Wenn man sich jedoch die global stark divergierenden Zielsetzungen anschaut, werden die Differenzen in den Definitionen ersichtlich: In Indien ist eines der großen Projekte der Smart Cities Initiative, eine funktionierende Trinkwasserversorgung sowie Entsorgungs- und Abwassersysteme zu entwickeln. In Deutschland dürfte das nicht ausreichen, um als Smart City zu gelten.

Das ganze Vorhaben klingt, schnell überflogen, erstmal wie ein Allheilmittel. Die Massenhafte Erfassung von Daten, ermittelt durch unzählige Sensoren und miteinander kommunizierende Devices erhöht die Effizienz, die Sicherheit, die Sauberkeit und macht sowieso alles besser. Kein Wunder, die Idee stammt aus den Think Tanks großer Tech-Firmen, die ein großes Interesse daran haben, diese Sensoren und Devices zu verkaufen und am Laufen zu halten sowie die Daten zu erheben und zu verarbeiten — oder besser noch, ganze Städte auf dem Reißbrett zu entwerfen und zu bauen. Wie das dann in der Realität aussehen kann, sieht man in Songdo in Südkorea oder an den sehr konkreten Plänen von Sidewalk Labs, einem Tochterunternehmen von Alphabet, in Toronto. Dort wird ein komplett vernetztes, futuristisches Quartier von Null auf hochgezogen und als lebendiges Labor für die Städte der Zukunft dienen… oder auch nicht. Die Kritiker bekommen auch bei den Zuständigen Behörden immer mehr Gehör, die Zukunft des Projekts ist ungewiss.

Die mediale Berichterstattung über diese Entwicklung ist stark in zwei Lager geteilt, selten differenziert: Auf der einen Seite steht die Technologiebegeisterung all jener, die auf mehr Komfort und Lebensqualität durch die umfassende Vernetzung hoffen und für die das Teilen von Daten kein Sicherheitsbedenken ist. Auf der anderen Seite stehen die dystopischen Visionen von alles überwachenden Staaten und Firmen sowie anfälligen zentralisierten Technologien zur Steuerung der Städte, die attackiert werden oder durch Mängel ausfallen und die Menschen der Anarchie ausliefern. Wie schützt man die massenhaft erhobenen Daten vor Diebstahl von außen oder, schlimmer noch, Missbrauch durch die Firmen, die sie erheben? Wie sichert man ein zentrales Computersystem zur Steuerung von Strom und Wasser vor Cyberterrorismus oder, blöder noch, fehlerhaften Updates?

Was macht eine Smart City aus?

Doch bleiben wir auf dem Boden der Tatsachen: In Europa, mit seinen historisch gewachsenen Städten und seinen, zum Glück noch weitgehend vorhandenen Demokratien, werden diese Visionen in naher Zukunft wohl kaum in vollem Umfang umgesetzt werden. Und das ist auch gar nicht nötig, geschweige denn erstrebenswert. Denn schon mit heutigen Mitteln ist es möglich, unsere Städte relativ niedrigschwellig um einiges smarter zu machen — und das ohne Millionen von Sensoren in jedem Mülleimer.

Dafür müssen wir uns erstmal überlegen, was eine Smart City für uns ausmachen soll. Die Vorstellung, dass sich eine Smart City durch grenzenlose Überwachung und ein endloses Sensorengeflecht konstituiert, klingt für viele Menschen eher dystopisch als gewinnbringend. Die Frage, die sich stellt, ist: Steht hier der Mensch noch im Fokus? Auch fühlen sich viele der technologischen Bestrebungen an, als seien sie am Ziel und an der Zeit vorbei entwickelt. Werden die Sensoren denn fünf oder zehn Jahre später noch brauchbar sein, bei der derzeitigen Geschwindigkeit technischer Entwicklungen? Müssen wir wirklich überall in die Steuerung des Verkehrsflusses investieren, wenn sich diese an dem veralteten derzeitigen Konzept des Individualverkehrs orientiert? Dürfen wir nicht berechtigterweise darauf hoffen, dass wir Autos wie wir sie kennen, oder den Job zu dem wir pendeln, in 30 Jahren gar nicht mehr brauchen werden?

Oder deckt eine Smart City Strategie einfach alles ab, was sich irgendwie positiv verändern soll? Wenn der Versuch, eine Stadt am Leben zu halten, also beispielsweise das absolut notwendige Bereitstellen von Kita-Plätzen, Grünflächen und Wohnraum schon eine Smart City ausmachen soll, wird der Terminus zur Farce. Lassen wir uns doch keinen alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen — Lieferdatum 2050.

Lasst uns ein Umfeld schaffen, in dem Leute bezahlbaren Wohnraum und soziale Sicherheit haben, sich für ihr Viertel mitverantwortlich fühlen und sich zu jeder Tag- und Nachtzeit gerne auf den Straßen aufhalten — statt Kameras mit Gesichtserkennung zu installieren.

Oder ist eine Smart City ein neues Paradigma der Stadtplanung und -verwaltung, fokussiert auf die Belange der Bewohner? Ein ganzheitliches Konzept, das auf die Menschheit und Natur achtet, so gut es geht? Welches versucht Entwicklungen proaktiv zu steuern, anstatt immer nur Brandherde zu bekämpfen? Dabei lean ist, nicht over-engineered? So stelle zumindest ich mir die utopische Smart City vor.

Zu viel Müll? Lasst uns Konzepte entwickeln, wie wir Essen vor der Verschwendung retten können und Verpackungsmaterial gar nicht erst produziert wird — anstatt zu schauen, mit welcher Technologie wir den Abfall am schnellsten auf die Müllkippe bringen.

Unsicherheit? Lasst uns ein Umfeld schaffen, in dem Leute bezahlbaren Wohnraum und soziale Sicherheit haben, sich für ihr Viertel mitverantwortlich fühlen und sich zu jeder Tag- und Nachtzeit gerne auf den Straßen aufhalten — anstatt Kameras mit Gesichtserkennung zu installieren.

Das nur als Beispiel. Eines ist klar:
Die Städte auf der Welt, in Europa und nicht zuletzt in Deutschland, müssen besser organisiert und generell neu gedacht werden, um den Herausforderungen der Zukunft standhalten zu können. Und das ganze müssen wir jetzt starten.

Die Folgenden Maßnahmen sind nur eine kleine exemplarische Auswahl an Projekten, die man schon jetzt angehen kann. Let’s get to work!

Was kann man heute schon tun?

Digitale Verwaltung & Bürgerbeteiligung
Wer liebt sie nicht, die Besuche im deutschen Bürgeramt. Es geht schon gerne mal ein halber Urlaubstag dafür drauf, an einem Wochentag in einem Vorzimmer aus den 60er Jahren samt Zigarettenpatina an den Gardinen, darauf zu warten, für einen neuen Reisepass 60€ bezahlen zu dürfen. Das ganze System grenzt an abenteuerliche Ineffizienz, und es gibt wenig Argumente dafür, dieses System nicht endlich zu digitalisieren. Ein Mammutprojekt? Ja. Aber je früher es implementiert wird, desto schneller wird es sich amortisiert haben. Die technischen Mittel sind vorhanden und fernab von futuristischer NASA-Technologie. Wie man es richtig anpackt, zeigt die griechische Stadt Trikala. Hier wurde durch einfachste Technik die Bürgerbeteiligung erhöht, transparent gestaltet und die Effizienz gesteigert. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit eines Bürgeranliegens liegt dort nun bei acht Tagen, statt bei den davor üblichen 30.

Autonomer & günstiger Öffenlicher Nahverkehr
Dass autonome U-Bahnen funktionieren, zeigen schon einige Städte auf der Welt, zum Beispiel Kopenhagen. Durch Autonomisierung und Kommunikation zwischen den Zügen können kürzere Intervalle bewerkstelligt werden, dadurch die in Zukunft immer größer werdenden Mengen an Menschen in den Innenstädten bewältigt werden. Blickt man optimistisch in die Zukunft, ist wohl auch das autonomisieren von S-Bahnen, Straßenbahnen und letztendlich Bussen nur eine Frage der Zeit. Was in anderen Branchen bald Realität sein wird, wie dem Lieferverkehr, kann auch hier funktionieren. Kombiniert mit einem sehr günstigen Angebot, wie dem sagenumwobenen 365 Euro Ticket, kann dies eine wirkliche Alternative zum individuellen PKW-Verkehr in den Städten sein. Klar, rechnet man es direkt um, ist die Bereitstellung eines stark subventionierten und autonomen ÖPNV eine teure Angelegenheit. Rechnet man die anfallenden Kosten — sowohl direkte für den städtischen Betreiber, als auch indirekte für die Gesellschaft — jedoch um (Fahrer, Fahrkartenautomaten, Kontrolleure, Gefängnisstrafen durch unbezahlte Bußgelder. Umweltverschmutzung, Infrastrukturabnutzung und Platzverschwendung durch PKW), wird es sich auf lange Sicht lohnen.

Barrierefreie und altersgerechte Städte
Die Thematik ist bekannt: Unsere Gesellschaft in Europa wird immer älter. Um dem demographischen Wandel konstruktiv zu begegnen, müssen auch unsere Städte altersgerecht werden. Dies ist nicht nur eine Maßnahme um die Lebensqualität von Senioren und Menschen mit Einschränkungen zu erhöhen, indem zum Beispiel Infrastruktur wie öffentliche Verkehrsmittel barrierefrei und leicht verständlich gestaltet werden, sondern eine absolute Notwendigkeit, um dem Pflegenotstand zu begegnen. Mit einer smarten, sprich altersgerechten, Bauweise und Monitoring-Technik kann die Unabhängigkeit eingeschränkter Mitbürger enorm gesteigert werden und dafür gesorgt werden, dass diese weitaus länger in ihren eigenen Wohnungen oder in kommunalen Wohngemeinschaften leben können. Kameras und Sensoren kontrollieren die Gesundheit; Temperaturen, Licht, Wasser und Strom können von außen gesteuert werden. Wenige Pflegekräfte beobachten dies remote und werden dann gezielt dort eingesetzt, wo es wirklich notwendig ist. Ein seltener Fall, in dem der Nutzen einer Art der Überwachung die Kosten bei weitem übersteigt und man doch sehen kann — unter Umständen kann jede Technik nützlich sein, je nach Art des Einsatzes.

Eine optimierte letzte Meile für den Paketversand
Warum ein weitreichendes Umdenken von Seiten der Stadt sowie der Zusteller nötig ist, um die Innenstädte in Zeiten des immer weiter wachsenden Onlinehandels vor dem Ersticken zu retten, erfahrt ihr unserem Artikel zur letzten Meile.

Eine zukunftsweisende Baubranche
Eine schlaue Stadt braucht bezahlbaren Wohnraum, und zwar jede Menge davon. Welchen Beitrag neue Baumethoden, Materialien und Prozesse leisten können, lest ihr bald hier in unserer Analyse der Baubranche.

Fassen wir also zusammen

Diese Liste ließe sich fast endlos fortsetzen, und die einzelnen Aspekte sehen für jede Stadt etwas anders aus, denn jede Stadt, jedes Land hat seine Eigenheiten und einzigartigen Aspekte, die nicht über einen Kamm zu scheren sind. Überall auf der Welt sind einzigarte Lösungen gefragt, von neuer Infrastruktur, Verwaltung und Zusammenleben bis hin zu Sauberkeit, Begrünungskonzepten und Naturschutz. Und überall auf der Welt arbeiten etliche Menschen an diesen Konzepten. Dabei sollten wir nicht aus dem Blick verlieren, wie viel wir heute schon tun können, um unsere Wohnorte zu den Orten zu machen, die wir uns wünschen. Es gilt, aktiv mitzugestalten und eigene Ideen und Meinungen einzubringen, denn sonst entscheiden andere. Die Städte gehören den Menschen, die in ihnen leben.