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Serie Logistik: Wachstumsbranche im Umbruch

27.08.2019 – Thomas Weber

Was die Logistik in Deutschland herausfordert

Kürzlich war ich im Rahmen einer großen Fachmesse auf einer Veranstaltung mit Führungskräften aus der Logistikbranche. Die Impulse, Vorträge und Gespräche haben gezeigt: Die Logistik durchlebt gerade einen Höhenflug. Sie springt von Umsatzhoch zu Umsatzhoch — neue und alte Player dringen mit innovativen, technologiegetriebenen Geschäftsmodellen auf den Markt. Doch der Erfolg kann nicht darüber hinwegtäuschen: Die Logistik befindet sich im Umbruch. Immer stärker offenbaren sich die Kapazitätsgrenzen — der Druck zu transformieren ist enorm. Und die Mühlen mahlen langsam.
Grund genug, sich die Branche in den kommenden Wochen genauer anzuschauen. Ein erster Überblick.

Spitzenreiter Deutschland weiter auf Wachstumskurs

Über eine Billion Euro beträgt das Umsatzvolumen des Logistikmarkts Europa. Zum Vergleich: Eine Billion Euro, das entspricht in etwa der Gesamtheit aller Nettogehälter und -löhne deutscher Arbeitnehmer*innen. Allein die deutsche Logistik ist für über ein Viertel davon verantwortlich — 2018 betrug das Umsatzvolumen des deutschen Logistikmarkts knapp 279 Mrd. Euro. Beachtliche 40 Prozent hat der deutsche Markt in den vergangen zehn Jahren zugelegt — im Durchschnitt vier Prozentpunkte im Jahr. Auch für das laufende Jahr 2019 wird ein Umsatzplus von zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet

Damit ist der deutsche Logistikmarkt einsamer Spitzenreiter vor dem Zweit- und Drittplatzierten Großbritannien (139 Mrd. Euro) respektive Frankreich (127,8 Mrd. Euro). Die Gründe dafür liegen auf der Hand, etwa die geografische Lage Deutschlands in Mitteleuropa, die Stärke der hiesigen industriellen Kontraktlogistik — also der Anlieferung und Bereitstellung von Gütern für die hiesige industrielle Produktion — sowie die Exportstellung der deutschen Wirtschaft. Wohl bedeutendster Wachstumstreiber ist aktuell der B2C-Online-Handel, der in Deutschland in den vergangen fünf Jahren durchschnittlich elf Prozent pro Jahr zugelegt hat.

Fachkräftemangel, steigender Bedarf und City-Logistik sind die Pain Points

Mit welchen Herausforderungen sieht sich die deutsche Logistik konfrontiert? Dachser-Vorstand Bernhard Simon hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: »Das Management knapper Ressourcen ist spätestens 2018 zur Kerndisziplin der Logistik geworden.« Vor allem der Fachkräftemangel, das knappe Gut Laderaum und die Bedarfsdeckung in den Innenstädten bedeuten für die Wachstumsbranche erhebliche Herausforderungen.

Fast 90 Prozent der Befragten in deutschen Logistikunternehmen sehen im Personalmangel die größte Problemstellung der Branche. Es fehlt schon heute an Personal, um offene Stellen besetzen zu können. Lokführer oder Trucker werden immer schwieriger zu finden. Dazu verspricht die Altersstruktur heutiger Belegschaften eine erhebliche Verschärfung des Problems in den kommenden Jahren. Immerhin investiert die überwiegende Mehrheit der Logistikunternehmen stark in die Einstellung von IT-Fachpersonal, steigt doch das Anforderungsniveau durch Robotik, Vernetzung und den Einsatz von Data Analytics drastisch.

Der Druck auf klassische Logistikanbieter, die Automatisierung ihrer Prozesse weiter voranzutreiben, ist gerade deshalb besonders hoch. Andernfalls spitzt das Personalproblem das Problem der Bedarfsdeckung noch erheblicher zu. PwC zufolge wird sich der Personalengpass erst mittel- bis langfristig entschärfen, also wenn sich etwa vollautomatisierte Warenlager oder autonom fahrende Lkw in der Breite durchsetzen. Anbieter wie Magazino aus München sind da ein guter Anfang. Die von ihnen entwickelten autonomen Kommissionierroboter ersetzen Mitarbeiter im Lager (noch) nicht, sondern arbeiten parallel zu ihnen und entlasten sie.

Kooperation durch Datenaustausch und Vernetzung statt Silo-Denke

Die Branche benötigt aber nicht nur dringend mehr Fahrer, um den Bedarf zu decken, sondern neue Lösungen, um bestehende Kapazitäten optimal zu verteilen. Nahezu paradox ist: Laderaum wird in Deutschland immer knapper, ist aber zugleich sehr ineffizient verteilt. 2018 überstieg die Zahl der Frachtaufträge die Zahl der Laderaumangebote um mehr als zwei Drittel, was natürlich die Preise steigen ließ. Aber: Noch immer sind über die Hälfte aller LKW-Fahrten in Deutschland Leerfahrten. Was es braucht? Konsequenten Datenaustausch und die intelligente Vernetzung — sowohl vertikal, als auch horizontal. Zentrale Aufgabe ist es dabei, die Bereitschaft zu entwickeln, ganz im Sinne der »Coopetition« seine Daten auch mit dem Wettbewerb zu teilen. Denn: Je mehr mitmachen, also je mehr Informationen über Ladekapazitäten vorhanden sind, desto effizienter kann der Platz auch verteilt werden.

Derzeit lässt sich an der Logistik mitverfolgen, wie eine Branche an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. Engpässe beschränken sich künftig nicht mehr nur auf saisonbedingte Hochzeiten — etwa das Weihnachtsgeschäft, das inzwischen jährlich den Kollaps der innerstädtischen Logistik provoziert. Rund dreieinhalb Milliarden Sendungen wurden 2018 von DHL, DPD, Hermes und Co. befördert — zu Spitzenzeiten mehr als 18 Mio. Sendungen an einem einzigen Tag. In kaum einem anderen Land werden mehr Pakete verschickt — im Schnitt 24 Lieferungen pro Kopf im Jahr. Nur in China sind es mehr. Zahlen, die durch den Siegeszug des Online-Handels nur weiter steigen werden.

Was es gerade für Innenstädte bedeutet, wenn jedes zehnte Konsumprodukt über den Versandhandel an Konsumenten kommt, ist klar: Verkehrsstau, Parkplatzmangel und aufwendige Zustellversuche seitens der Paketboten. Der Druck auf die Branche, Lösungen für die sogenannte »Letzte Meile« zu entwickeln, nimmt zu — entsteht hier doch die Hälfte der Kosten beim Paketversand. Dabei setzt die Branche auf unterschiedliche Lösungsansätze von den bekannten Paketstationen in der Innenstadt, über In-Home-Delivery, bis hin zu Lieferdrohnen und -robotern. Wir erleben hier, wie an technologischen Einzellösungen gefeilt wird, sie aber nicht integriert gedacht, geschweige denn gesteuert werden. Gerade Ballungszentren benötigen dringend solche Gesamtkonzepte.