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Serie Logistik: Digitalisierung und Automatisierung — die Zukunft nimmt Fahrt auf

03.09.2019 – Samuel Krist

Es wird bergauf und bergab gehen, doch eines ist klar: Aufhalten wird es sich nicht lassen. In den nächsten Jahren wird sich ein Wandel der kompletten Logistikbranche vollziehen. Immenser Bedarf an Kraftfahrern und mehr Effizienz trifft auf Digitalisierung, etliche neue Player und den Elefanten im Raum: Autonome Trucks.

Doch nicht so schnell. Fangen wir im Hier und Jetzt an.

Wo sind wir gerade?

Die Logistikbranche ist ein Riesenmarkt. International wird der Wert auf über vier Billionen Dollar geschätzt — zehn Prozent des gesamten globalen BIP. Davon wird die Hälfte der Wertschöpfung durch LKWs auf der Straße erzielt, denn 85 Prozent aller Waren legen eine Strecke von 150 Kilometer oder weniger zurück. Eine Distanz, auf der andere Transportarten keine Chance haben. Das spiegelt sich auch auf dem Arbeitsmarkt wider: In den USA sorgt die Sparte Road Freight für neun Millionen Jobs, in der EU für über sechseinhalb Millionen — indirekt profitierende Gewerbe, wie Reparaturwerkstätten, Raststätten, Motels und viele mehr, nicht eingerechnet.

Und der Markt wächst stetig, angetrieben durch florierenden Welthandel und den Siegeszug des Onlinehandels. Schon heute bleiben weltweit Millionen von Stellen unbesetzt, die Branche kann den Bedarf kaum decken, die Lohnkosten steigen. Kein Wunder also, dass hier enormes Potenzial für Digitalisierungs- und Automatisierungsvorhaben besteht.

Was passiert jetzt?

Auch schon ohne große technische Innovationen ist es heutzutage möglich, viele Arbeitsschritte zu digitalisieren und effizienter zu arbeiten. In dieser extrem fragmentierten Branche — die 10 größten Player haben weltweit nur einen Marktanteil von 20 Prozent — werden selbst heute noch Faxe versendet, Telefonate geführt und lange Listen geschrieben. Die Folgen: Leerfahrten, Wartezeiten, schlechte Datenauswertung und unnötiger Kommunikationsaufwand. In Zeiten des Personalmangels eigentlich unverzeihlich, dennoch fühlen sich große wie kleine Betriebe sicher, denn es läuft ja. Die Aufträge fliegen nur so herein, es gibt mehr Nachfrage als Angebot. Nur könnte sich das schnell ändern, wenn man nicht frühzeitig umdenkt. Die Situation ist bekannt und zieht ambitionierte Menschen mit neuen Ideen an: Etliche Startups haben bereits Apps und Plattformen entwickelt, mit denen sich die Effizienz an vielen Stellen der Value Chain steigern lässt. Optimierte Touren- und Lagerflächenplanung treffen auf Datenauswertung, zuverlässiges Tracking und klare Kostenkalkulation auf Knopfdruck. Wer hier nicht mitmacht, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren.

Im gleichen Zuge setzen immer mehr große Shops und Marktplätze, allen voran Amazon, auf eigenes Fulfillment. Sie sehen das bisher nicht ausgeschöpfte Potenzial der Branche, während diese scheinbar zu satt ist, um zu merken, dass ihr die Butter vom Brot geklaut wird.

Und was folgt dann?

Dann geht es erst richtig los. Autonome Kraftfahrzeuge sind keine Zukunftsvision mehr. Schon heute haben autonome PKW Millionen von Testkilometern auf dem Tacho, die LKW stehen dem in nichts nach. Zurückgehalten wird die Entwicklung hauptsächlich durch Gesetze, doch im Endeffekt ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die öffentliche Meinung wandelt und die Technik akzeptiert wird. Die höhere Effizienz, welche geringere Kosten, weniger Umweltverschmutzung, weniger Unfälle und schnellere Lieferungen bedeutet (Trucks ohne Fahrer brauchen keine Pause…), wird letztlich dafür sorgen.

Was man dabei nicht vergessen sollte: Auch wenn selbstfahrende Autos im Fokus der Medien und damit auch der öffentlichen Wahrnehmung stehen, der Impact selbstfahrender LKW wird unermesslich groß — und er wird zuerst kommen. Rein technisch ist der Fernverkehr zwischen Städten, auf Autobahnen und Highways, erheblich unkomplizierter. Auch rechtlich wird es schneller vorangehen, wenn die selbstfahrenden Boliden nicht in die Nähe von Zebrastreifen und Wohngebieten kommen. Die Hersteller der Fahrzeuge bekommen unterdessen immer mehr Selbstvertrauen. Im stark regulierten Deutschland gibt es schon seit einem Jahr erste Pilotprojekte mit Platooning-Technologie: Hierbei fahren mehrere fahrerlose LKWs im Windschatten eines von Menschenhand geführten Fahrzeugs — der Soft Start in den autonomen Lieferverkehr. In den USA wurden sogar schon komplett autonome Touren und Überholmanöver auf offenen Straßen durchgeführt, Volvo produziert seine selbstfahrenden LKW komplett ohne Fahrerkabine. Die Message: Wir sind startklar.

Bringen wir die Situation auf den Punkt.

Ein Billionenmarkt mit immensem Wachstum und einer Nachfrage, die kaum zu bedienen ist, wird sehr bald die Möglichkeit bekommen, die Effizienz enorm zu steigern und gleichzeitig einen Großteil aller Lohnkosten zu eliminieren. Diese Möglichkeit wird wahrgenommen werden. Denn wer es nicht tut, verschwindet.

Doch bei autonomen Trucks wird es nicht bleiben. Die Lagerstätten, Umschlagplätze sowie Schiffe und Häfen der Zukunft werden perspektivisch komplett automatisiert und autonom werden, genauso wie viele andere Bereiche, in denen Trucks oder andere langsam fahrende Maschinen bewegt werden, also Minen, Farmen und Fabrikgelände. Ein komplett abgeschlossenes Privat-Areal mit festen kalkulierbaren Routen und Abläufen, ohne gesetzliche Einschränkungen und menschliche Interferenz: Das ist der Sandbox-Traum eines jeden Entwicklers in diesem Feld.

Was dies für den Arbeitsmarkt bedeutet, zeichnet sich ab. Die Schätzungen gehen auseinander, jedoch sagt das International Transport Forum ITF, ein OECD Think Tank mit 60 Mitgliedsländern, voraus, dass bis 2030 rund 50 bis 70 Prozent aller Fahrer-Jobs wegfallen. Nicht alle insgesamt und auch nicht alle auf einmal, aber immerhin. Gehen wir von konservativen 50 Prozent aus, sind dies in den USA über vier Millionen, in der EU über drei Millionen Stellen – die Masse an abhängigen Unternehmen einmal ausgelassen.

Macht euch gefasst!

Wir stehen hier also vor einer enormen Umwälzung der Arbeitswelt in weiten Teilen der Welt. Arbeitsplätze werden massenhaft verschwinden, gleichzeitig werden etliche neue Berufsfelder entstehen. Jeder Akteur in der Logistik tut gut daran, sich auf diese Zukunft vorzubereiten.