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Kriechend in die Zukunft - Die langsame Adaption von BIM in Deutschlands boomender Baubranche

07.01.2020 – Samuel Krist

Wir schreiben das Jahr 2020, genauer gesagt Januar. Ende des Jahres wird es für jedes neue öffentliche Infrastrukturbauvorhaben der Bundesregierung obligatorisch, mit Building Information Modelling (BIM) durchgeführt zu werden.

Mit anderen Worten: Es muss mit BIM gearbeitet werden, damit man sich überhaupt für diese Ausschreibungen bewerben kann. Weitere Bereiche der Bauwirtschaft werden sicher bald folgen, zunächst alle Teile öffentlicher Bauvorhaben, schließlich auch alle privaten Bauprojekte. Es ist nur eine Frage der Zeit, das ist klar. Zu groß sind die Möglichkeiten der Effizienzsteigerung, der Kostensenkung, der besseren Übersicht und der Vorhersehbarkeit, um diese Gelegenheit verstreichen zu lassen.

Die Antwort der deutschen Bauwirtschaft auf diese neue Möglichkeit ist - mit einigen Ausnahmen - ein müdes Achselzucken. Wenn man in den Tiefen der Berichterstattung, der Studien und Umfragen stöbert, hat man das Gefühl, dass viele noch nicht wissen, was auf sie zukommt. So wird die Chance zur Bedrohung.

Was hier geschrieben steht, ist Gesetz

Um bei Null anzufangen, sollten wir klären, was BIM eigentlich bedeutet. Abgesehen von allen tieferen technischen Aspekten (die an anderer Stelle grundlegend erklärt werden), lässt sich das Ganze auf ein einfaches Konzept herunterbrechen: Ein digitales Modell, an dem alle arbeiten. Live und in Echtzeit, mit aktuellen Daten, automatischen Berechnungen und 100%iger Transparenz. Der Architekt entwirft hier, der Statiker ebenfalls, die Baufirma bezieht sich darauf vor Ort und im Büro, so wie alle anderen Beteiligten an jedem Punkt. Wird eine Zahl an einer Stelle geändert, ändern sich alle relevanten Berechnungen entsprechend. Was hier geschrieben steht, ist Gesetz.

Das gibt uns eine neue Planungssicherheit und Übersicht in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Es ist nicht weniger als der überfällige Sprung in die digitale Gegenwart, ein Impact, der später mit dem Übergang von der architektonischen Handzeichnung zum CAD verglichen werden wird. Am Ende der Entwicklung steht ein 5D-Modell, das neben der 3D-Darstellung auch die Dimensionen Kosten und Zeit ins Spiel bringt, um die Kosten für den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zu berechnen.

Deutschland hinkt trotz Bauboom hinterher

Die Adaptierungsrate von BIM ist derzeit noch sehr ungleichmäßig, an der Spitze in Europa stehen die skandinavischen Länder und Großbritannien. Vor Jahren wurden in diesen Ländern umfassende staatliche BIM-Strategien entworfen und umgesetzt, die Baubranche zur Anpassung an Standards gezwungen. In Deutschland hinkt die Entwicklung noch immer hinterher. Umfassende verbindliche Standards werden vergeblich gesucht, es fehlt an Aus- und Weiterbildung und an Zertifikaten. Wenn man dies mit den vollen Auftragsbüchern und dem Fachkräftemangel in der Branche koppelt, die sich mitten in einem Bauboom befindet, ist es nicht verwunderlich, dass die Entwicklung schleichend verläuft. Niemand will derjenige sein, der in die falschen Technologien investiert, und der Schuh drückt nicht genug. Zumindest noch nicht.

Niemand will derjenige sein, der in die falschen Technologien investiert.

Im Jahr 2015 ging es nach mehreren Debakeln einen Schritt zu weit für die Bundesregierung. Desaster wie der Hauptbahnhof Stuttgart 21, die Elbphilharmonie in Hamburg und der Flughafen BER am Rande Berlins haben deutlich gemacht, was es bedeutet, keinen Überblick über Großbaustellen zu haben. Es ist auch nicht verwunderlich, dass bei öffentlichen Projekten oft der Bauherr, im Falle von öffentlichen Projekten der Staat und damit letztlich der Steuerzahler, die finanziellen Konsequenzen trägt.

Auf der anderen Seite profitieren die beteiligten Baufirmen immer wieder von falschen Berechnungen, schlechter Planung und anschließender umfangreicher Nacharbeit. Auch dies ist vielleicht ein Grund dafür, dass die Umsetzung der neuen Technik so langsam vonstatten geht: Viele Akteure profitieren zu sehr von Mittelmäßigkeit und Nepotismus. Die über Jahrzehnte gewachsenen und undurchsichtigen Handelsbeziehungen zwischen Bauunternehmen, Baustoffherstellern, Handwerkern und dergleichen, in denen noch immer Verträge per Fax verschickt und Bestellungen per Telefon aufgegeben werden, sind wunderbar geeignet, an jeder Ecke ein wenig Gewinn abzuschöpfen. Es kann einfach niemand den Überblick behalten.

Der Blick nach vorn

Nach der Umsetzung der Vorgaben der Regierung wird sich die Technologie aber auch weiterhin im privaten Sektor, insbesondere im Wohnungsbau, durchsetzen. Während die Null- bis Negativzinspolitik Geld aus den Bankkonten spült und viele Investoren zu Investitionen in "Betongold" zwingt, werden die Städte immer voller und die Nachfrage nach Wohnraum immer größer. Infolgedessen übersteigen die Kaufpreise und Baukosten neuer Wohnungen jetzt schon den Wert und die Gewinnaussichten.

Es werden jedoch immer noch Häuser gebaut und gekauft, da die daraus resultierenden Verluste offenbar immer noch geringer sind als die, die daraus resultieren, dass man Geld auf der Bank behält. Bisher haben viele Großvermieter versucht, diese Investitionen mit horrenden Mieten auszugleichen, aber der Widerstand wächst. Die starke Resonanzen, die politische Instrumente wie der Mietstopp in Berlin hervorgerufen haben, zeigt, wie fragil die gesamte Situation wirklich ist. Und dies ist sicherlich erst der Anfang. Auch in anderen Städten wird der Ruf nach bezahlbaren Mieten und Immobilien immer lauter. Die meisten Bürger können sich die ständig steigenden Kosten für einen der wichtigsten Bereiche ihres Lebens nicht mehr leisten. Das System wird bald an seine Grenzen stoßen. Am Horizont zeichnet sich das Platzen einer weiteren Immobilienblase ab, diesmal mit Europa und Deutschland im Zentrum.

Eines ist klar: Bauen muss billiger werden, damit Wohnraum wieder bezahlbar wird und der Markt überleben kann. Die einzige Lösung, um in diesem antiquierten Geschäft langfristig nachhaltige Gewinne für Bauunternehmen und Investoren zu erzielen, ist die Steigerung der Effizienz.

Wer in der Baubranche wird das Rennen gewinnen und als Erster in großem Maßstab BIM einführen?

Stellen wir also die wichtigste Frage: Wer in der Baubranche wird das Rennen gewinnen und als Erster BIM im großen Maßstab einführen?

Die Möglichkeiten sind bereits vorhanden.